Sticken im Fadenkreuz

Sagen Sie mal…, das sollen die Garne für diese Vorlage sein?

Ein enttäuschter Blick wandert zwischen Garnen und Stickvorlage hin und her. Und dann: „Die Farben auf dem Foto gefallen mir aber viel besser!“

Kennt Ihr die Situation? Da hat man sich in eine Stickvorlage verliebt, das Foto zeigt wunderbar stimmungsvolle Vintagefarben – und die Garne sind alle deutlich heller. Oder das Foto spiegelt eine kühle Farbgebung und die Garne erweisen sich als goldstichig. Es ließen sich noch viele andere Beispiele hinzufügen.

Wie realitätsgetreu sind Abbildungen auf Stickvorlagen?

Tatsächlich geben die Fotos auf Stickvorlagen oft nicht die wirklichen Farben wider. Das hat verschiedene Gründe. Zunächst spielt das Licht bei der Aufnahme eine wichtige Rolle, ebenso die Einstellungen an der Kamera. Bei der anschließenden Bildbearbeitung kann die Farbe manipuliert werden und für die Güte des fertig ausgedruckten Bildes sind wiederum die Druckereinstellungen relevant. Also viel Spielraum für Farbverschiebungen.

Es gibt aber noch eine zweite Quelle für Farbabweichungen, unabhängig vom Foto. Vor allem, wenn mit handgefärbten Garnen gestickt wird, wird es immer wieder vorkommen, dass ein neues Farbbad zu anderen Ergebnissen führt. Wer viel mit diesen Garnen arbeitet, kann ein Lied davon singen! Wenn ein Modell für das Foto mit Garnen, die vielleicht schon einige Jahre alt sind, gearbeitet wurde, wird mit neu erworbenen Garnen das Resultat mehr oder weniger anders ausfallen. Das macht ja den Reiz beim Sticken mit diesen Garnen aus!

Und schließlich gibt es Stickvorlagen, die gar kein Foto einer fertigen Stickerei enthalten. Statt dessen wird ein Ausdruck der Vorlage gezeigt, ohne Symbole, nur mit Farbfeldern. Gute Computer-Stickprogramme schaffen es recht gut, die verkleinerte Vorlage wie ein Foto aussehen zu lassen – Passepartout und Rahmen reinkopiert, fertig ist die Abbildung!

Hoity Toity – ein besonderer Fall

Vielleicht habt Ihr gesehen, dass sich unter den neuen Artikeln drei Stickvorlagen von Long Dog befinden. Ich liebe die Entwürfe von Julia Line, der Designerin hinter Long Dog, und stöbere gern nach Fotos von fertigen Arbeiten. Dabei fiel mir neulich auf, dass einer der neuen Entwürfe offenbar in zwei Varianten existiert. Diese beiden Fotos findet Ihr auf Julias Homepage:

Diese Abbildung befindet sich auf der Stickvorlage von „Hoity Toity“

Dies ist das gestickte Modell von Hoity Toity.

Eindeutig zeigt das untere Foto mehr Rottöne als die obige Abbildung. – Ist das Foto verfälscht oder ging für die Abbildung dem Drucker die rote Farbe aus?

Gestern sprachen mich gleich zwei Kundinnen auf diese Vorlage an. Beide möchten das Bild gerne sticken, beide finden die braune Version schöner.  Vielleicht können die Farben ausgewechselt werden? Ob ich nicht mal gucken kann…?

Mach ich doch gerne! Also breitete ich heute die angegebenen DMC-Garne vor mir aus, Farbkarte daneben, Brille auf und verglich die Farben. Suchte nach passenden Brauntönen, guckte, wo welche Farben auftauchen, verglich und suchte weiter. So richtig befriedigend war das leider nicht. Also beschloss ich, auch die angegebenen Garne von Gentle Art heranzuziehen. Ich weiß, dass Julia Line gerne mit diesen Garnen stickt, daher konnte ich eigentlich davon ausgehen, dass die gestickte Version mit Gentle Art gearbeitet ist. Ich nahm an, dass die Angaben für DMC – wie bei anderen Designern üblich – den ursprünglich gewählten Garnen so gut wie möglich angepasst wurden.

Aber ich erlebte eine Überraschung! Seht selbst:

handgefärbte Garne für Hoity Toity

Dies sind die Gentle-Art-Garne, mit denen Hoity Toity gestickt wurde.

DMC-Garne für Hoity Toity

Dies sind die für Hoity Toity angegebenen DMC-Garne

Die Garne von DMC sind deutlich weniger bunt, weniger rot und durch mehr Grau wirkt die Zusammenstellung viel ruhiger und gedämpfter.

Ich habe die Garne noch einmal nebeneinandergelegt, damit Ihr die Unterschiede besser erkennen könnt:

Vergleich der Garne für Hoity Toity

Seht Ihr, dass einige Farben gar keine Entsprechung haben? Aus knalligem Türkis wird Grau, aus Hellblau Blaugrau und die Rottöne der DMC-Garne sind weniger dominant. Kein Wunder, dass das fertige Bild jeweils anders ausfallen wird.

Die Erkenntnis dieses Sonntags

Offen gestanden, ich bin noch nie auf die Idee gekommen, dass ein Designer mit alternativen Garnangaben auch alternative Farbkonzepte liefert. Man lernt nie aus! In Zukunft werde ich also noch genauer hinschauen, bevor ich ein neues Projekt starte – besonders, wenn die Garne nicht eindeutig angegeben werden.

Meine Empfehlung an alle, die Hoity Toity sticken wollen: Erst einmal entscheiden, mit welchem Garn gearbeitet werden soll. Wenn dann die eine oder andere Farbe nicht gefällt, kann immer noch punktuell ausgetauscht werden.

 

Ich wünsche Euch einen guten Start in die neue Woche!

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Ein Kommentar zu “Sagen Sie mal…, das sollen die Garne für diese Vorlage sein?

  1. Sabine Willhardt

    Hallo,

    ich bin vor einigen Jahren mit der Bestellung eines mintfarbenen Stickbandes auf die Nase gefallen. So sah es nur auf dem Firmencomputer aus. Geliefert wurde ein Ockerfarbenes Band. Vor der Reklamation habe ich mir das Band auf meinem Computer angeguckt, da war es grün. Seitdem frage ich nach Farbproben bevor ich gleich zwei Meter bestelle, wenn ich die Farbe nur aus dem Internet kenne.

    Die Farbunterschiede bei den Stickgarn Zusammenstellungen sind uns im Stickkreis schon in den 90gern aufgefallen, wenn es für die Vorlagen Angaben von Fremme und MEZ gab. Bei abstrakten Bildern ist das auch sinnvoll, wenn man eine harmonische Farbpalette herstellt anstatt auf Biegen und Brechen versucht entsprechende Farben zu suchen.

    MfG
    Ihre Sabine Willhardt

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