“Sagen Sie mal…, haben sie das neue Garn von DMC?”

Der Blick der Kundin streift suchend durch den Laden. “Sie meinen sicher ‘Coloris’, das neue Multicolorgarn von DMC?” Richtig, die Kundin ist irgendwo im Internet darauf gestoßen und würde es sich jetzt gerne ansehen. Doch leider, damit können wir nicht dienen. Wir haben uns nämlich entschieden, dieses Garn nicht ins Sortiment aufzunehmen. Und wir erklären auch gerne, warum.

Ich hole tief Luft und deute auf die zahlreichen Garnständer, Garnringe und Haken, auf denen wir die meisten Garne präsentieren (um alle zu zeigen, fehlt einfach der Platz). Lassen wir Seidengarne, einfädige Garne und Metallicgarne etc. jetzt außer Acht und wenden uns nur den Garnen zu, die im englischen schlicht “floss” heißen und bei uns als Sticktwist oder Spaltgarn bezeichnet werden. Wir benutzen normalerweise für alle nicht-einfarbigen Garne die Bezeichnung “Farbverlaufsgarn”. Zunächst müssen wir hier zwei Färbemethoden auseinanderhalten: Es gibt handgefärbtes Garn und es gibt industriell gefärbtes Garn. Der große Unterschied liegt darin, dass bei handgefärbten Garnen die Farbverläufe immer mehr oder weniger unregelmäßig ausfallen, während bei industrieller Färbung die Abstände genau festgelegt werden können, z.B. Farbwechsel alle 5 cm.

Nun muss durchaus unterschieden werden, wie der Farbverlauf eines Garns denn beschaffen ist. Im großen und ganzen lassen sich drei Stufen identifizieren:

Da gibt es die Garne, die nur um einen Farbton changieren. Wenn sie verstickt werden, erzeugen sie diesen ganz typischen Vintage-Effekt, als sei das Garn an einigen Stellen ausgeblichen.

Farbverlaufsgarne 1
Beispiel 1: Garne mit leichtem Hell-Dunkel-Effekt

Dann gibt es Garne, die zwei, manchmal auch mehr ähnliche oder benachbarte Farben vereinen. Die Garne wirken zwar farbig, aber nicht bunt:

Farbverlaufsgarne 2
Beispiel 2: Garne mit dezentem Farbspiel

Die dritte Gruppe umfaßt die wirklich bunten Garne. Mehrere Farben und stärkere Hell-Dunkel-Unterschiede rechtfertigen die Bezeichnung als “Multicolorgarne”.

Beispiel 3: bunte Garne
Beispiel 3: bunte Garne nennen wir manchmal auch “Ostereiergarne”

Wenn eine Kundin ein Farbverlaufsgarn sucht, frage ich immer, welches Motiv sie damit sticken möchte. Denn nicht jedes Farbverlaufsgarn ist für jedes Motiv gleichermaßen geeignet. Der Vintage-Effekt eignet sich zum Beispiel für die meisten Muster, die als einfarbige konzipiert sind. Garne mit deutlichem, aber dezentem Farbverlauf entfalten ihren Charme besonders bei sich wiederholenden Mustern wie Borten, Buchstaben oder graphischen Motiven. Richtig bunte Garne sollten gut überlegt eingesetzt werden. Häufig wirkt ihre fröhliche Farbigkeit besonders attraktiv. Es kann aber passieren, dass die Farben so stark in den Vordergrund treten, dass das eigentliche Motiv erschlagen wird.

Für die Beispiele habe ich nur Garne von Weeks Dye Works genommen. Wir führen aber außerdem noch handgefärbte Sticktwiste von Gentle Art, ThreadworX, Stef Francis und Classic Colorworks. Dazu kommen die älteren Multicolorgarne von DMC und die DMC-Color Variations mit ihren regelmäßigen Farbverläufen.

Warum dann nicht auch noch Coloris? Schaut Euch das Foto an, mit dem DMC für die 24 Farben des neuen Garns wirbt:

Coloris Farbpalette
Die 24 Farben von Coloris

Zu sehen ist jeweils der gleiche Motivausschnitt. Und was sehen wir? Die gleiche Stickerei in verschiedenen Farben? Nein, wir nehmen ganz unterschiedliche (Mini-)Motive wahr. Teils ist der Hell-Dunkel-Konstrakt sehr groß, teils wird das Motiv von den kräftigen Farben dominiert. Coloris bietet also überwiegend die heiklen bunten Farbverlaufsgarne, die mit viel Bedacht verwendet werden müssen.

Wir meinen, dass Coloris der Welt der Farbverlaufsgarne eigentlich nichts Neues hinzuzufügen hat. Begnügen wir uns also weiter mit den bis heute 922 verschiedenen Farbverlaufs-Sticktwisten, die wir im FADENKREUZ vorrätig haben. Und hoffen, dass für Euch, unsere Kundinnen, immer noch das Passende dabei ist.