Betrifft: Bergen

“Bergen”?? Wer sich jetzt verwundert fragt, was sich wohl hinter dieser Überschrift verbergen mag, dem sei versichert: Weder widme ich mich der segensreichen Arbeit der Feuerwehr (“Retten, Löschen, Bergen, Schützen”) noch der charmanten, aber regenreichen norwegische Küstenstadt. Nein, heute muss ich Euch über das 18-fädige Leinengewebe Bergen eingehender informieren.

Seit Jahren geht bei vielen Stickfans die Tendenz zu feinen, noch besser: allerfeinsten Stickereien. Winzige Kreuzstiche auf feinem Leinen wecken Erstaunen und Entzücken beim Betrachter angesichts eines Stickbildes, das wie gemalt aussieht. Kein Wunder also, dass das Interesse an sehr feinem Leinen in den letzten Jahren gewachsen ist. Die Firma Zweigart, bekannt für ihre hochwertigen Handarbeitsstoffe, produziert ihr 16-fädiges Leinen Newcastle mittlerweile in 17 Farben.

Lange galt 16-fädiges Leinen als der feinste Zählstoff für Kreuzsticharbeiten. Wer noch kleinere Stiche wünschte, mußte auf die etwas gröberen Stoffe zurückgreifen und dann über einen Gewebefaden sticken. So läßt sich wirklich superfein arbeiten, allerdings geht das Sticken deutlich langsamer voran, weil ja jedes Kreuz komplett mit Unter- und Deckstich fertiggestellt werden muss, ehe mit dem nächsten begonnen werden kann.

Vor ungefähr vier Jahren stieß ich dann auf Bergen, den 18-fädigen Leinenstoff aus dem Hause Zweigart. Zunächst nur in weiß, später in naturweiß – und dann endlich konnte ich ihn auch in rohleinen bestellen. Dass wir diesen Stoff nicht in großen Mengen verkaufen könnten, sondern er vor allem Spezialisten mit guten Augen (oder guter Lupe) erfreuen würde, war natürlich von vorneherein klar. Aber er fand seine Abnehmer und es gab nie eine Beschwerde.

Um zu testen, welches Garn sich auf Bergen am besten eignet, habe ich damals verschiedene kleine Muster gestickt. In diesem Zusammenhang entstand auch das folgende Bild:

“Fraktur Bird” von Lila’s Studio

Gestickt habe ich mit den angegebenen Garnen von Weeks Dye Works, und zwar mit einem Garnfaden über zwei Gewebefäden.

Das Garn deckte auf dem 18-fädigen Leinen sehr gut. Ich war zufrieden, endlich eine Alternative zum 16-fädigen Newcastle gefunden zu haben, auf dem zwar Seide wunderbar deckt, aber Baumwollgarn für meinen Geschmack etwas luftig wirkt.

Als ich vor einiger Zeit mal wieder Nachschub geordert hatte, fiel mir beim Auspacken eine kleine Veränderung bei der angehefteten Artikelbeschreibung auf.

Bemerkt? Statt der Angabe “180 Fd. / cm” steht dort nun: “K: 180 Fd. S: 160 Fd. / cm”. Das bedeutet: Kette und Schuss weisen nicht die gleiche Anzahl Fäden auf! Damit aber entfällt die Grundanforderung an einen Stoff, auf dem im gezählten Kreuzstich gestickt werden soll: quadratisch gewebt mit gleicher Fadenzahl in Kette und Schuss.

Empört rief ich gleich am nächsten Tag bei Zweigart an und bat um Aufklärung. Nach einigem Hin und Her ergibt sich folgendes Bild: Es handelt sich nicht – wie ich angenommen hatte – um einen einmaligen Produktionsfehler, sondern die Kennzeichnung beschreibt die tatsächliche Stoffqualität. Bergen war also noch nie exakt quadratisch gewebt! Allerdings fiel die Abweichung so gering aus, dass sie offenbar kaum bemerkbar war. Außerdem, so wurde mir gleichmütig versichert, sei ein so feiner Stoff doch ohnehin nicht für Kreuzsticharbeiten vorgesehen. Na super!

Wenn Ihr Euch meinen gestickten Vogel genau anseht, bemerkt Ihr eigentlich eine Verzerrung? Das Bild ist ohnehin etwas verzerrt, weil ich mit dem Handy fotografiert habe und die Linse wohl nicht genau über der Mitte schwebte.

Um mir Klarheit zu verschaffen, habe ich noch einmal nachgeschaut. Das Bild ist im Original 90 x 88 Stiche groß. Auf 18-fädigen Stoff wäre also eine fertige Größe von 10 x 9,8 cm zu erwarten. Allerdings erinnere ich mich, kleine Änderungen vorgenommen zu haben, um ein quadratisches Bild zu bekommen, und ich habe auf die Initialen, die eigentlich für die beiden unteren Ecken vorgesehen sind, verzichtet. Ärgerlich, dass ich leider nichts schriftlich festgehalten habe. Man sollte sich wirklich immer, IMMER Notizen beim Sticken machen!!

Mein Bild mißt 9,3 x 9,5 cm, ist also nicht genau quadratisch. Da ich nun nicht mehr nachvollziehen kann, wieviel Stiche es hat (und Zählen ist auf dem feinen Stoff extrem mühsam) bringt alle Rechnerei leider keine Klarheit. Bleibt also nur, sich auf sein scharfes Auge zu verlassen. Schaut genau hin: Irritiert oder stört Euch irgendetwas?

Mein Fazit lautet: Mich stört allenfalls der komische Vogel. Ich werde auch weiterhin auf Bergen im Kreuzstich sticken, wenn mir der Sinn nach superfeiner Stickerei steht. Allerdings, da ich ja nun gewarnt bin, werde ich mir dann vorher überlegen, ob mein Bild – sollte ich es jemals wahrnehmen – eher ein wenig gestaucht oder eher ganz leicht gestreckt sein darf.

Alle, die Ihr schon auf Bergen gestickt haben: Schaut Euch Eure Stickereien sehr kritisch an, messt nach und bildet dann Euer Urteil.

Und zuletzt noch eine Bitte: Für mich wäre es sehr hilfreich, Eure Meinung kennen zu lernen. Es wäre schön, von Euch zu erfahren, ob Ihr ähnlich denkt wie ich oder ob Ihr niemals oder nie wieder auf Bergen sticken werdet.