Kreuzstich auf Bergen

Während ich den Titel für diesen Beitrag schreibe, merke ich, wie irreführend er sein kann. Nein, es geht weder um Handarbeit in einsamen Berghütten noch um Textilkunst an ungewöhnlichen Orten. “Bergen” ist der Name eines neuen Leinenstoffs von Zweigart, den wir seit einiger Zeit im FADENKREUZ anbieten. Bergen ist deshalb so interessant, weil er ein sehr feiner Stoff mit 18 Gewebefäden pro cm ist. Das entspricht im englischen Sprachraum 46 ct.

Feine Stickereien sind immer wieder beeindruckend. Grundsätzlich gibt es für Kreuzsticharbeiten ja zwei Methoden, fein zu sticken. Entweder wählt man einen feinen Stoff oder man stickt über einen Gewebefaden eines gröberen Stoffes wie bei diesen beiden Beispielen:

Cardo von Renato Parolin als Pinkeep
Stickvorlage von Renato Parolin: “Perfette Armonie – Cardo”
gestickt auf Zweigart Newcastle (16-fädig)
R50 von Rovaris
“R50” – Stickvorlage von Rovaris
auf Zweigart Belfast (13-fädig) über einen Gewebefaden gestickt

Beide Methoden haben ihre Vor- und Nachteile: Beim Sticken über einen Gewebefaden können Rückstiche nicht mehr richtig platziert werden. Nur Vorlagen, die ausschließlich ganze Kreuzstiche verwenden, eignen sich zum Sticken über einen Faden. Bleibt in allen anderen Fällen also nur die Suche nach einem feingewebten Stoff. Hier haben die meisten Webereien bisher bei 16 Fäden pro cm (40 ct.) Schluß gemacht. Noch feinere Handarbeitsstoffe gibt es natürlich auch. Doch leider sind sie eher für andere Sticktechniken als Kreuzstich gedacht und dann häufig zu locker oder zu dicht oder mit ungleicher Anzahl von Kett- und Schussfäden gewebt.

Als ich Bergen entdeckte, war ich gleich hellauf begeistert. Endlich gibt es die Möglichkeit, Kreuzstich wie üblich über zwei Fäden zu sticken und dabei ein sehr feines Stickbild zu erzielen. Prompt stellte sich die Frage, welches Garn denn für diesen Stoff geeignet ist. Um mir ein wenig Klarheit zu verschaffen, habe ich also ein kleines Bäumchen (aus dem Buch “Messages personnels” von Renato Parolin) gestickt und dabei verschiedene Garne benutzt.

Garnprobe
mit fünf verschiedenen Garnen gestickt

Die Spitze ist mit einem Faden des normalen DMC-Sticktwists gestickt. Ich finde, das Stickbild ist ganz in Ordnung. Auf Newcastle erscheinen mir die Kreuze mit DMC manchmal etwas licht, hier decken sie besser.

Dann folgt das einfädige Aurifil Mako 28. Die Kreuzchen scheinen mir etwas klarer herauszukommen als beim DMC. Das ist auch zu erwarten, weil der Faden bei Aurifil Mako stärker gedreht ist beim Sticktwist. Soweit die beiden Baumwollgarne dieses kleinen Tests.

Die mittlere Partie habe ich mit Soie d’Alger (von Au Ver à Soie) gestickt, ebenfalls mit einem Garnfaden. Dieses Seidengarn deckt von allen am besten. Bei zusammenhängenden Flächen lassen sich die einzelnen Kreuze nicht mehr gut unterscheiden. Das gleiche gilt auch für Needlepoint Silk, das ich für den vierten Teil genommen habe. Needlepoint Silk ist eine Winzigkeit dünner als Soie d’Alger, was sich hier aber kaum auswirkt. Bei beiden Seidengarne fand ich, dass sie durch das Ziehen durch den Stoff mehr als üblich aufgeraut wurden. Das hätte zur Konsequenz, dass die Fadenlänge eher klein gehalten werden müsste.

Das fünfte Garn ganz unten ist ebenfalls ein Seidengarn, nämlich Soie 100.3 (auch von Au Ver à Soie). Wie beim Aurifil Mako erweist sich der stärke gedrehte Faden als vorteilhaft. Er flutscht sanft durch den Stoff und erzeugt ein schönes, klares Stickbild. Eindeutig mein Favorit!

Demnächst möchte ich ein kleines Bild komplett auf Bergen sticken. Welches Garn ich dazu nehme, werde ich vom Motiv abhängig machen. Viel zusammenhängende Fläche oder eher Linien wie bei einem Alphabet, monochrom oder bunt? – Es bleibt spannend, soviel ist sicher.