Leinen “natur”, “ungebleicht”, “rohleinen”

Im letzten Beitrag berichtete ich, dass Frau G. in unserem Angebot 14-fädiges ungebleichtes Leinen vermisste. Nun, etwas beschämt haben wir sofort reagiert und der Stoff ist inzwischen lieferbar.

Ich komme hier noch einmal auf das Thema zurück, weil häufig Konfusion herrscht bezüglich der Farbnamen. Das ungebleichte Leinen wird als “natur”, “ungebleicht”, “ungefärbt” oder “rohleinen” bezeichnet. Näher beschreiben läßt sich die Farbe als ein mittelhelles Graubeige. Wie bei einem Naturprodukt nicht anders zu erwarten, treten allerdings zum Teil gravierende Unterschiede auf.

Zum einen gibt es Unterschiede zwischen den Leinenstoffen verschiedener Hersteller. Ich empfinde z.B. den Farbton “rohleinen” bei Zweigart als etwas kühler im Vergleich zu “nature/undyed” von Permin. Aber selbst der gleiche Hersteller liefert mal einen etwas helleren oder etwas dunkleren Ballen. War der Sommer nass, wird der Flachs ein etwas dunkleres Gewebe hervorbringen als in einem trockenen Jahr.

Natur-Leinen im Vergleich

Dreimal ungebleichtes Leinen: Deutliche Helligkeitsunterschiede

Auf dem Foto seht Ihr drei verschiedene Stoffe in der Farbe “natur” von Weddigen. Man kann deutlich erkennen, dass der untere dunkler ist als die beiden anderen und der obere der hellste ist. Es handelt sich – von unten nach oben – um das 10-fädige 103N, das 12-fädige 113N und das 14-fädige 140N.

Durch Gebrauch und Alter verändert sich die Farbe weiter. Leinen bleicht aus, sei es durch Waschen, vor allem aber durch Licht. Eine alte Bekannte zeigte mir neulich ein Mustertuch, dass sie vor einigen Jahren gestickt hat. Die Stickerei war fast nicht zu erkennen, weil sie sich kaum vom Hintergrund abhob. Was war geschehen? Die Gute hatte auf ungebleichtem Leinen mit cremefarbenem Garn gestickt, passend zur farblich zurückhaltenden Einrichtung ihres Hauses. Das überaus edel wirkende Mustertuch bekam natürlich einen Ehrenplatz im Wohnzimmer, in der Nähe des Fensters. Es hätte gar nicht direkter Sonneneinstrahlung bedurft, um den Stoff auszubleichen – selbst durch ein Nordfenster fällt viel helles Licht -, das regelmäßige Sonnenbad beschleunigte den Prozess aber noch. Das Leinen wurde mit der Zeit immer heller und hat jetzt einen wirklich schönen hellbeigen Ton. Die cremefarbenen Stiche sind nur bei scharfem Hinsehen aus kurzer Entfernung zu erkennen. Als Unglücksrabe mit Humor nimmt sie das Malheur inzwischen gelassen hin: wenn am späten Nachmittag die Sonne auf die Stickerei fällt, werfen die Kreuzchen kleine Schatten und verleihen dem inzwischen recht monochromen Bild eine interessante dritte Dimension. Unbedarften Gästen erzählt sie toternst, dieser Effekt sei beabsichtigt, um die Stickerei besser zur Geltung zu bringen.

Fazit: Beim Sticken auf “Natur”-Leinen müssen wir immer zukünftige Farbveränderungen einkalkulieren. Wer dies vermeiden will, sollte lieber auf gefärbte Stoffe, die es ja auch in etlichen Grau-Beige-Braun-Varianten gibt, zurückgreifen.