Mein Millennium Frame – die Vorgeschichte

Ich kann mein Glück noch immer nicht fassen: Endlich bin ich stolze Besitzerin des – wenn man Mary Corbet glaubt – weltbesten Stickrahmens plus Ständer.

Aber mal ganz von Anfang an: Wie es sich gehört (jawoll!), sticke ich ausschließlich im Rahmen. Ich besitze von den bei uns üblichen runden Holz-Stickringen von jeder Größe mindestens einen, außerdem noch einige rechteckige und zwei von den strammen Kunststoff-Ringen, die für meine sporadischen Übungen in Weißstickerei angeschafft wurden.

Stickringe aus Holz
Stickringe aus Holz – rund und eckig

Unbestritten sieht Kreuzstich, wenn er mit Rahmen gestickt wird, schöner aus als beim Arbeiten in der Hand. Selbst eingefleischte Ohne-Rahmen-Stickerinnen geben dies freimütig zu. “Schöner” heißt, die Stickerei erscheint gleichmäßiger, weil die Fadenspannung besser kontrolliert werden kann. Dennoch: So richtig zufrieden war ich eigentlich nie. Das nervige Zupfen, bis der Stoff richtig im Rahmen sitzt, die latente Angst, fertige Partien zu beschädigen, der ständige Kampf zwischen Garn und Schraube, die runden Abdrücke auf dem Leinen – all das ist einem entspannten Stick-Vergnügen eher abträglich.

Aus Büchern wusste ich, dass in England traditionell ganz andere Stickrahmen benutzt werden: große, rechteckige, an denen der zu bestickende Stoff für die gesamte Arbeitsdauer befestigt wird. Diese sogenannten Slate Frames sind bei uns allerdings so gut wie unbekannt. Vor Jahren stand ich schon einmal kurz davor, mir einen Slate Frame aus England schicken zu lassen, gab den Gedanken aber wieder auf, weil ich befürchtete, dass ich ohne fachmännische Hilfe mit dem guten Stück nicht zurechtkommen würde.

Im letzten Jahr hatte ich dann eine längere Phase, in der ich mich zunehmend für Needlepoint begeisterte. Ich möchte jetzt nicht abschweifen, werde aber sicher demnächst mehr darüber berichten. Wer jahrelang nur Kreuzchen für Kreuzchen gestickt hat, dem öffnet sich mit Needlepoint ein neuer Horizont – so jedenfalls erging es mir. Wäre da nur nicht dieser verflixte steife Stramin! Stickringe nützen gar nichts, in der Hand halten funktioniert zwar so leidlich, aber dann fehlt die Hand unter dem Stoff. Ach, wär’ ich doch ein Oktopus! Was machen denn die Engländerinnen und Amerikanerinnen, die so viel und gerne Needlepoint sticken? Aha, sie benutzen Stretcher Bars.

Stretcher Bars in verschiedenen Größen
Stretcher Bars in verschiedenen Größen

Mit Stretcher Bars lassen sich relativ einfache Rahmen schnell zusammenbauen, indem zwei Seitenteilpaare ineinandergesteckt werden. Der Stramin wird oben oder seitlich mit speziellen Reißzwecken festgetackert. Bei Tristan Brooks gibt es auch die kleinen Mini Stretcher Bars. Damit sich die Versandkosten rechnen, habe ich mir vor einem Jahr kurzentschlossen gleich einen ganzen Schwung in verschiedenen Größen gekauft. Die Lieferung erfolgte schnell und problemlos. Wie Ihr seht, sind die meisten Leisten noch nicht benutzt. Ich wollte aber für möglichst viele Größen ausgerüstet sein und hatte schon künftige Projekte im Kopf.

Meine Stretcher Bars
Mein Sortiment an Stretcher Bars
Stretcher Bars im Einsatz
Der Stramin wird auf den zusammengesteckten Stretcher Bars mit flachen Zwecken befestigt

Die Rahmen sind nicht teuer und funktionieren gut – für Stramin. Und weiter ärgerte ich mich bei Kreuzstich auf Leinen über die Stickringe, die ich nichtsdestotrotz für sinnvoll und notwendig halte. Bis ich beim Kreuz- und Querlesen auf Mary Corbets Blog auf ihren Beitrag vom November 2011 über den Millennium Frame stieß. Sie beschreibt dort sehr ausführlich die Konstruktion dieses Rahmens und wie sie ihn getestet hat. Ihre Beurteilung gipfelt in dem Satz: “Der Millennium Frame ist ein Geniestreich.” Für mich war klar: Danach hatte ich seit Jahren gesucht, den muss ich haben, unbedingt! Der Rahmen wird in England in der Tischlerei von John Crane in Handarbeit hergestellt und kann über seinen Online-Shop Needle needs bestellt werden. Da der Rahmen nur auf dem Ständer seinen Zweck erfüllen kann, entschloss ich mich nach kurzer Überlegung, gleich ein komplettes Kit zu ordern. Da dies eine Anschaffung fürs Leben sein sollte, schluckte ich einmal beim Preis und klickte dann munter auf “Add to cart”. Auf der Produktseite kam die Sache allerdings bereits ins Stocken, denn statt eines Warenkorbs stand dort nur “Awaiting Stock”, zur Zeit nicht lieferbar! Naja, die Kommentare zu Mary Corbets Bericht hatten mich schon darauf vorbereitet, dass Mr. Crane gelegentlich mit der Produktion nicht nachkommt. Es war Dezember und ich verschob die Sache auf die Zeit nach Weihnachten.

Das Jahr 2014 begann mit dem täglichen Versuch, vielleicht doch eine Lücke zwischen zwei “Awaiting Stock”-Phasen zu erwischen. Ende Januar schwand die Hoffnung und meine Kaufversuche fanden nur noch zweimal wöchentlich statt. Eines Tages Anfang März – ich hatte gerade seufzend die Seite von Needle needs geschlossen – tippte mein Göga vielsagend an seine Stirn und fragte gespielt mitleidig, ob ich es denn nicht vielleicht mit einer Mail versuchen wolle… Gute Idee! Ich schrieb also sehr nett an Mr. Crane, teilte ihm mit, dass ohne seinen Millennium Frame mein Leben in Melancholie versinken würde und wann, bitte wann ich denn meine Bestellung abschicken könne. Keine Antwort! In einer zweiten Mail zwei Wochen später listete ich meine mittlerweile erweiterte Bestellung auf und fragte sehr freundlich an, wann denn wohl mit einer Lieferung zu rechnen sei. Erratet Ihr’s? Richtig: Keine Antwort!

Dann stolperte ich in Köln auf der Fachmesse Handarbeit & Hobby über eine exakte Nachbildung des Millennium Frames von einer türkischen Firma, die für das Modell einen Großabnehmer suchte. Oho, dachte ich, vielleicht kann ich als olle Petze ja reüssieren. Jetzt packte auch meinen Göga der Ehrgeiz – er spricht und schreibt eine Winzigkeit besser Englisch als ich – und gemeinsam schrieben wir eine weitere Mail an John Crane mit Schilderung meiner bisherigen Bemühungen um den Millennium Frame und der Details meines Gesprächs an dem Messestand in Köln. Null Reaktion. Nach drei weiteren Wochen – mein Geburtstag stand bevor – ergriff mein Göga erneut die Initiative und rief nun direkt in Somerset an. Hurra! Am anderen Ende der Leitung nahm tatsächlich jemand das Gespräch an! Es ist tatsächlich so, wie ich befürchtet hatte: Seit Mary Corbets Bericht kann sich die kleine Firma vor Aufträgen nicht mehr retten, die Wartelisten werden immer länger. Immerhin wurde nun auch meine Bestellung auf die Warteliste gesetzt, man werde sich melden… Das war im April.

Seitdem ruhte still der See, Needle needs zeigte weiter “Awaiting Stock”. Dann, eines nachmittags vor zwei Wochen, blinkte der Anrufbeantworter. Darauf die Stimme von Mr. Crane, “John”, der mir liebenswürdig mitteilte, mein Kit sei nun versandfertig, es seien nur noch einige Details zu klären. Der Rückruf ergab, was noch fehlte: was ich denn zusätzlich noch als Erweiterung bestellt hätte, meine Adresse, meine Kreditkartennummer. Nun, Kleinigkeiten eben, kein Problem.

Und dann kam er tatsächlich! Als der Fahrer von UPS eine Woche später ein mittelgroßes, mittelschweres Paket aus England brachte, mochte ich es kaum glauben. Mein Millennium Frame!!! Rahmen und Ständer waren in Einzelteile zerlegt und mussten erst noch zusammengebaut werden, aber auf die eine Stunde kam es ja nun wirklich nicht mehr an. Unfaßbar, hier steht mein Millennium Frame einsatzbereit vor mir:

Millenium Frame mit Artischocke
Mein Millennium Frame ist einsatzbereit

Über meine Erfahrungen mit dem Millennium Frame werde ich Euch demnächst berichten.

Wenn es Euch interessiert: Auf der Seite von Needle Needs findet Ihr zwei Videos, auf denen John Crane die Funktionsweise des Rahmens demonstriert.