“Sagen Sie mal…, welche Garne sind denn wirklich farbecht?”

Gleich mehrfach wurde uns diese Frage so oder ähnlich in den letzten Tagen gestellt. Auch die Variante “Was muss ich tun, damit die Farbe beim Waschen nicht ausläuft?” hören wir mit schöner Regelmäßigkeit.

Fangen wir mit der zweiten Frage an. Die brutale Antwort lautet: “Gar nicht erst waschen!” Wer erst dann, wenn die Stickarbeit fertig ist, diese Frage stellt, stellt sie zweifelsohne zu spät, und zwar viel zu spät. Die Gefahr, dass Garne Farbe abgeben, besteht nämlich immer – mal mehr, mal weniger akut. Und damit kommen wir zur Ausgangsfrage:

Der Begriff  “Farbechtheit” in Bezug auf Stickgarne wird leider oft unscharf verwendet. “Farbecht” ist ein Garn, wenn es seine Färbung beim Waschen, beim Reiben oder unter Lichteinfluss behält. Insofern gelten die gängigen Marken-Baumwollstickgarne in der Tat als farbecht. Allerdings kann kein Garnhersteller garantieren, dass seine Garne völlig frei von Farbüberschüssen sind. Gerade dunkle Garne, und hier vor allem die roten, enthalten hin und wieder einen Farbüberschuss. Glaubt mir, ich spreche aus Erfahrung.

Wer ganz sicher sein will, keine unliebsamen Überraschungen zu erleben, sollte Folgendes tun:

  • Das Döckchen in eine Glasschale mit kaltem oder handwarmem Wasser legen.
  • Leicht ausdrücken und bewegen.
  • Wenn das Wasser sich eintrübt, das Wasser wechseln und den Vorgang solange wiederholen, bis das Wasser klar bleibt.
  • Dann das Garn zum Trocknen auf ein weißes Papierhandtuch oder weißen Küchenkrepp legen. Sollten sich Farbspuren zeigen, wandert das Döckchen zurück ins Wasser.
  • Erst wenn sich keine Farbe mehr auf dem weißen Papier abzeichnet, sind alle Farbrückstände entfernt.

Auch Seidengarne für größere Projekte sollten auf Farbechtheit getestet werde. Schließlich weiß man vorher nie, was während des Stickens so alles passieren wird. Ein versehentliches Ruckeln mit der Kaffeetasse, schwitzige Hände, Schokoladenkekse in Griffweite oder Nachbars Katze auf Besuch – alles potentielle Verschmutzer unserer Stickerei.

Bei handgefärbten Garnen – egal, ob Seide oder Baumwolle – empfiehlt sich ein vorheriges Waschen ohnehin. Hier sind Farbrückstände eher die Regel als die Ausnahme, entsprechende Hinweise findet Ihr zum Beispiel auf den Etiketten von Caron Waterlilies oder The Gentle Art.

Und dann gibt es noch die Stickgarne, die auf der Banderole als “nicht farbecht” gekennzeichnet sind! Wer damit stickt, braucht sich zumindest über das Thema “Waschen” keine Gedanken zu machen.

Allerdings klingt diese ganze Debatte viel dramatischer, als es von der Sache her gerechtfertigt ist. Wir reden hier nicht von der großen Wäsche einer mehrköpfigen Familie, sondern von einigen Döckchen Garn, die gut in ein kleines Wasserglas passen, ein paarmal mit spitzen Fingern bewegt und dann kurz auf Küchenpapier gedrückt werden. Die ganze Prozedur nimmt kaum Platz in Anspruch und dauert wenige Minuten. Die einzige derartige Aktion, bei der unsere Küche für einen ganzen Vormittag blockiert war, liegt schon mehrere Jahre zurück. Ich habe damals knapp 40 verschiedene Seidengarne, handgefärbt versteht sich, vorgewaschen. Die größte Schwierigkeit dabei bestand darin, den Überblick über die Etiketten zu behalten. Mein Göga staunte nicht schlecht, als ihm ein Wäscheständer mit Garnsträngen und angeklammerten Schildchen den Durchgang zum Kühlschrank versperrte.

Fazit: Nur wenn ich absolut sicher bin, dass ich sauber arbeite und meine fertige Stickerei niemals gewaschen werden muss, kann ich mir das Vorwaschen der Garne ersparen. In allen anderen Fällen muss ich mir vor Beginn überlegen, wie weit mein Vertrauen in die deklarierte Farbechtheit reicht. Lieber einmal zuviel als einmal zu wenig testen!